Steht Julius Bär vor angelsächsischer Revolution?
Erst der CEO, der in London bei einer grossen Wall-Street Bank tätig war, und jetzt ein britischer Bank-Veteran als neuer Verwaltungsratspräsident: Julius Bär stellt sich neu auf. Welche strategische Richtung die Zürcher Vermögensverwaltungsbank einschlagen wird, dürfte im Detail im Juni klar werden.
Bei den Analysten hat Noel Quinn schon mal gepunktet: Seine Nominierung zum Verwaltungsratspräsidenten und als designierter Nachfolger von Romeo Lacher wurde positiv aufgenommen. Der Schritt sorgte in einer wichtigen anstehenden Personalentscheidung für Klarheit. Allerdings musste die Bank mit der Meldung früher raus als geplant. Die Nachrichtenagentur «Bloomberg» hatte die Nomination am Freitagabend vermeldet und damit Julius Bär unter Druck gesetzt.
«Damit ist eine unserer Ansicht nach möglicherweise kursbelastende Unsicherheit beseitigt», schreibt etwa der ZKB-Analyst Michael Klien in einem Kommentar zur Bär-Personalie. Die Wahl eines Präsidenten mit so umfangreichen Know-how dürfte positiv aufgenommen werden, auch im Hinblick auf die international ausgerichteten Aktionäre. Und als eine Stärke von Quinn wird dabei sicherlich seine Erfahrung in der Region Asien gesehen.
Aktienkurs höher
Am Markt sorgte die Nachricht für Rückenwind. Die Julius Bär-Valoren schlossen am Montag in einem sehr freundlichen Gesamtmarkt um 1,7 Prozent höher auf 61.64 Franken. Der Aktienkurs hatte in den vergangenen Monaten bereits einiges an Auf und Ab gesehen und schwankte zwischen dem Tief bei 43.75 Franken im September und dem Hoch bei 65 Franken Ende Januar.
Mit dem früheren Goldman-Sachs-Manager Stefan Bollinger hat nun ein Schweizer mit einer langjährigen, internationalen Bankenerfahrung die operative Entscheidungsgewalt bei Julius Bär. Die Bank hat hart daran gearbeitet, das Thema Signa und die kostspieligen Engagements beim österreichischen Immobilien-Jongleur René Benko vergessen zu machen.
Und der Blick in die Bilanz 2024 spricht dabei eigentlich für einen Erfolg. Die Bank hat unter dem Strich mehr als 1 Milliarde Franken verdient und die Dividende stabil gehalten. Mit dem verschärften Stellenabbau, der rund 5 Prozent der Mitarbeitenden treffen könnte, sollen die Kosten noch stärker als bisher geplant gesenkt werden. Auch die Teppich-Etage wurde dezimiert: Die Geschäftsleitung schrumpft von 15 auf 5 Mitglieder.
Grosser Auftritt in London
Das neue grundlegende Strategie-Update unter der neuen Führung, mit entsprechenden aktualisierten Mittelfristzielen, will Julius Bär am 3. Juni 2025 in London vorstellen. Also quasi ein Heimspiel für den dann frisch ernannten neuen Präsidenten und sein erster grosser Auftritt.
Umstrukturierungen sind auch für Quinn kein Neuland. Während seiner Zeit als HSBC-CEO hatte er hier ebenfalls eine Neuausrichtung vorgenommen und das Institut durch unruhiges Fahrwasser gesteuert. Dazu zählt etwa die Abwehr der Forderungen des aktivistischen Investors Ping An zur Abspaltung des Asiengeschäfts oder die Bewältigung der Covid-19-Pandemie. Im letzten Jahr unter seiner Führung hatte die Bank dann noch stark von der höheren Zinsmarge profitiert.
Termin-Clash führte Entscheidung herbei
Noel Quinn war Ende April 2024 überraschend von seinem Posten als CEO der britisch-asiatischen Bank zurückgetreten und gab das Amt im September ab. Nach nur fünf Jahren an der Spitze der grössten europäischen Bank mit Sitz in London war Schluss. Nach Ansicht von Branchenbeobachtern etwas verfrüht. Als Grund nannte Quinn damals insbesondere die Belastung durch die vielen Geschäftsreisen.
«Nach fünf intensiven Jahren ist für mich jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, um mein Privat- und Geschäftsleben besser zu vereinbaren. Ich beabsichtige, eine Portfoliokarriere zu verfolgen», sagte Quinn und meinte damit Mandats-Rollen in verschiedenen Unternehmen. Seit Februar sitzt er etwa im Board der australischen Bergbau- und Eisenerz-Gruppe Fortescue. Zudem ist er ein nicht geschäftsführender Direktor der Sustainable Markets Initiative.
Doch laut Medienberichten war eher eine zeitliche Kollision bei den Mandatsbegrenzungen für ihn und den Chairman von HSBC, Mark Tucker, der Grund für den überraschenden Schritt. Quinns Erreichen des Pensionsalters wäre rund drei Jahre später mit der Amtszeitbegrenzung von Tucker zusammengefallen. Um zu vermeiden, dass beide Spitzenpositionen in der Bank etwa zur gleichen Zeit neu besetzt werden müssen, habe man die Entscheidung getroffen. Tucker wollte es sich dabei nicht nehmen lassen einen neuen CEO einzusetzen und den Übergang zu steuern, hiess es damals.
Und eben diese Neubesetzung mit Georges Elhedery hat seitdem ebenfalls hohe Wellen geschlagen. Bereits im Oktober hatte er ein grundlegende Reorganisation der Bank und ein Milliarden-Sparprogramm aufgelegt.
37 Jahre in HSBC-Diensten
Die bisherige Bankkarriere von Quinn war lang und geradlinig. Der Start war 1987 bei einer Tochter der Midland Bank, die fünf Jahre später von HSBC übernommen wurde. Bevor er 2019 die CEO-Rolle zunächst interimistisch und dann fix übernommen hat, hatte er jahrelang bei HSBC wichtige Leitungsfunktionen im Bereich Commercial Banking inne, etwa als deren globaler Leiter, Asien-Chef oder Leiter Grossbritannien.
Ende 2024 wurde dem Manager dann noch eine besondere Ehre zuteil. In der alljährlichen Honors-Liste von King Charles III. wurde ihm die «Knighthood» verliehen. Als Begründung wurde dabei nicht nur auf seine Verdienste in der Finanzindustrie verwiesen, sondern auch auf die Verfolgung der Netto-Null-Ziele, ein Thema, dass dem britischen König bekanntermassen am Herzen liegt.
Quinn hatte im Jahr 2020 bei HSBC das Ziel formuliert, bis 2050 Netto-Null bei den CO2-Emissionen zu erreichen. Zudem war er auch einer der Hauptakteure der «Glasgow Financial Alliance for Net Zero», die Finanzinstitute dazu verpflichtet, ihre Kreditvergabe und ihr Investitionsportfolio mit Umweltzielen in Einklang zu bringen.
Illustre Mit-Ritter
Die Knighthood ist eine der höchsten Auszeichnungen in Grossbritannien und kann im Unterschied zu anderen Titeln nur an Männer und britische Staatsbürger verliehen werden. Unter den insgesamt 22 neuen «Sirs» waren vergangenes Jahr etwa der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan, der Schauspieler Stephen Fry oder der englische Fussball-Nationaltrainer Gareth Southgate.
Zum Prozess der Nachfolge-Suche macht Julius Bär keine Angaben. Und auch nicht dazu, von wo aus der neuen Präsident das Aufsichtsgremium führen wird.
Der endgültige Entscheid von Remo Lacher an der kommenden GV am 10. April nicht mehr anzutreten fiel erst im Januar, wie die Bank damals mitteilte. Doch Lacher hatte demnach den Verwaltungsrat bereits 2024 über seine Absicht informiert, an der Generalversammlung 2025 nicht mehr für eine Wiederwahl zur Verfügung zu stehen.
Da schlug die Stunde für Quinn und diesmal stimmte das Timing. Mit ihm stand Julius Bär schon früh in Kontakt.