Revolut-Chef: «Wir wollen Hauptbank für Schweizer Kunden werden»

Revolut will in der Schweiz weiter wachsen – und zwar schnell. General Manager Julian Biegmann erklärt im Gespräch mit finews.ch, warum es mit der Schweizer IBAN hakt, welche Bankprodukte bald kommen – und wie sich der Wechsel von Blackrock zur Neobank anfühlt.

Herr Biegmann, Sie sind jetzt seit knapp einem Jahr General Manager von Revolut Schweiz. Was ist seither passiert?

Ich bin Ende 2023 zu Revolut gekommen. Damals waren wir in der Schweiz zwar schon seit ein paar Jahren aktiv, aber immer auf Cross-Border-Basis – ohne Marketing, ohne Team vor Ort. Das hat sich komplett verändert: Wir haben jetzt eine lokale Repräsentanz für unsere europäische Bank und Wertpapiereinheit, ein Büro in Zürich, rund zehn Leute im Team – sechs in Zürich, vier in der Westschweiz. Und seit März auch über eine Million Privatkunden in der Schweiz.

Ohne Marketing?

Bis vor kurzem – ja. Das Wachstum kam komplett organisch. Die meisten sind über Freunde-werben-Freunde oder einfach durch Mund-zu-Mund-Propaganda zu uns gekommen. Das zeigt in meinen Augen, dass das Produkt für sich spricht.

«Es gibt durchaus auch Schweizer Kunden, die sechs- oder sogar siebenstellige Beträge bei Revolut liegen haben.»

Und was ist das Ziel dieser intensiveren Präsenz?

Ganz klar: Wir wollen für Schweizer Kunden zur Hauptbankbeziehung werden. Aktuell sind wir für viele eher die Zweit- oder Drittbank. Dafür bauen wir das Produkt immer weiter aus – zunächst individuelle IBAN über Postfinance, Aktien- und ETF-Trading, QR-Zahlungen, demnächst auch Gemeinschaftskonten. Und wir haben noch einiges mehr in der Pipeline.

Bleiben wir bei der IBAN: Viele Nutzer waren irritiert, weil deren angeblich persönliche IBAN im Kontext des BIC-Systems nicht auf den individuellen Kunden lautet, sondern auf die Postfinance.

Es ist da zu Missverständnissen gekommen, das stimmt. Wir haben unsere Kommunikation dazu angepasst. Viele warten darauf, dass sie endlich eine «richtige» Schweizer IBAN bekommen, die man auch für Lohnzahlungen verwenden kann. Aktuell ist das wegen der Geldwäschereivorgaben in der Schweiz nicht ganz so einfach umsetzbar. Aber es ist ein Fortschritt, dass jetzt jeder seine eigene IBAN hat. Früher mussten alle Kunden auf ein Sammelkonto bei der Credit Suisse überweisen und man musste eine ID in den Verwendungszweck schreiben. Zumindest das ist jetzt Geschichte.

Diese neue IBAN, wie auch diverse andere Produkte, bieten Sie nur jenen Schweizer Kunden an, die bei der litauischen Revolut-Bank angesiedelt sind und nicht, wie früher, bei der britischen Einheit.

Ja. Darum ermuntern wir die Kunden auch zu diesem Wechsel. Ab Ende Juni wird es unseren Schweizer Kunden, die diesen Wechsel nicht mitmachen, nicht mehr möglich sein, Geld per Banküberweisung auf ihr Schweizerfranken-Konto bei Revolut zu erhalten. Die Credit Suisse wird das entsprechende Sammelkonto nach der Übernahme durch die UBS in Zukunft nicht weiter anbieten.

«Bald bringen wir auch FX-Forwards auf den Markt. » 

Mit einer Schweizer Banklizenz wäre das einfacher. Man hört immer wieder, Sie hätten eine solche beantragt.

Gerüchte kommentieren wir grundsätzlich nicht . Wenn es dazu etwas zu vermelden gibt, werden wir das tun. Für regulatorische Themen ist bei uns in erster Linie die Finma Ansprechpartnerin.

Sie haben das Schweizer Onshore-Geschäft also komplett neu aufgebaut. War das auch personell eine Herausforderung?

Absolut. Am Anfang haben die ersten Leute von zu Hause aus gearbeitet. Wir hatten schlicht noch kein Büro. Mittlerweile haben wir in einem Coworking ein fixes Büro im Herzen von Zürich. Der personelle Ausbau ist nicht riesig, aber gezielt. Der Fokus liegt darauf, unser regulatorisches Team noch weiter zu verstärken, zum Beispiel im Bereich Compliance oder Reporting.

Und wie viele neue Kunden kommen pro Monat dazu?

Aktuell so zwischen 20'000 und 25'000. Wenn man das hochrechnet, kommt man auf etwa 250'000 neue Kunden im Jahr. Das war auch unser Ziel für 2024 – wobei ich sagen muss: Das ist kein KPI, auf den ich jeden Tag schaue. Es hat sich eher aus der Historie ergeben.

«Wir haben Rückhalt vom Management, auch für Investitionen.»

Wie viele davon sind wirklich aktiv? Eine App ist ja schnell installiert und dann vergessen.

Definitiv mehr als die Hälfte. Das heisst: Sie nutzen die App mindestens einmal im Monat.

Schweizer Neobanken wie Yuh oder Radicant haben es schwer, schnell zu wachsen. Was macht Revolut anders?

Ich finde es grundsätzlich gut, dass es Bewegung im Markt gibt. Für Konsumentinnen und Konsumenten ist das super. Es gab in der Schweiz lange Zeit kaum kostenlose Konten oder Karten – Dinge, die für uns schon lange selbstverständlich sind. Der grosse Unterschied ist wohl: Wir denken global. Revolut ist in vielen Ländern aktiv, wir wollen die App so bauen, dass man sie überall nutzen kann – ob beim Studium im Ausland oder beim Jobwechsel.

Auch für die Vermögensverwaltung haben Sie Produkte und Ambitionen. Wie kommt das an?

Sehr gut. Vor allem ETF-Sparpläne oder unsere Robo-Advisory-Lösung stossen bei unserer eher jungen, technik- und auch finanzaffinen Kundschaft auf viel Zuspruch. Ich persönlich nutze das Wechselgeldsparen: Jede Kartenzahlung wird aufgerundet, und das wird dann automatisch investiert – monatlich, kostengünstig, voll digital.

Aber das sind eher kleine Beträge, oder?

Nicht nur. Es gibt durchaus auch Schweizer Kundinnen und Kunden, die sechs- oder sogar siebenstellige Beträge bei Revolut liegen haben. Aber klar, viele nutzen es auch einfach zum Einstieg ins Investieren oder auf Reisen. Da unser Geschäftsmodell rein digital ist und gut skaliert, ist es für uns auch keine zentrale Frage.

Wie ist eigentlich das Feedback vom etablierten Schweizer Bankenplatz?

Von klassischen Retailbanken habe ich bisher kein direktes Feedback bekommen. Was man aber sieht, ist, dass einige Banken auf neue Angebote reagieren – zum Beispiel die ZKB, die gewisse Gebühren abgeschafft hat. Ob das mit uns zusammenhängt, weiss ich nicht. Aber es fällt schon auf.

«Bei Revolut ist die Taktung höher, alles ist stärker KPI-getrieben.»

Weniger bekannt ist Ihr Firmenkundengeschäft. Wie läuft es da?

Sehr gut. Wir haben mehr als 10’000 Firmenkunden in der Schweiz. Das digitale Onboarding ist ein grosser Vorteil – 10 bis 15 Minuten, und das Konto ist eröffnet. Dazu kommen unsere günstigen Wechselkurse. Bald bringen wir auch FX-Forwards auf den Markt. Bei den Schnittstellen zu Lohnbuchhaltung und Co. arbeiten wir noch an spezifischeren Lösungen für Schweizer KMU.

Im Dezember haben Sie die Schweiz einen «strategischen Markt» genannt. Was heisst das?

Wir sind ein globales Unternehmen – und trotzdem hat die Schweiz bei uns intern sehr hohe Priorität. Auch wenn sie kleiner ist als Deutschland oder Frankreich. Es ist einer der führenden Finanzplätze und da wollen wir natürlich präsent sein. Wir spüren, dass der hiesige Markt offen ist für neue Lösungen. Entsprechend haben wir auch Rückhalt vom Management, auch für Investitionen. Die generelle Vision von Revolut besteht darin, eine globale Super-Banking-App anzubieten, wo das Dienstleistungsangebot über verschiedene Länder möglichst homogen ausfällt.

Sie waren davor acht Jahre bei Blackrock. Wie kam es zum Wechsel?

Revolut hat mich kontaktiert. Ich fand das spannend, weil ich sowohl Consulting- als auch Kapitalmarkterfahrung mitbringe – und viel mit Regulatoren gearbeitet habe, zum Beispiel bei Projekten für die EZB oder die niederländische Zentralbank. Das passt ganz gut zur Aufgabe hier.

Und der grösste Kulturunterschied?

Blackrock war trotz der Grösse sehr unternehmerisch geprägt, man hatte viel Eigenverantwortung. Bei Revolut ist die Taktung höher, alles ist stärker KPI-getrieben. Jedes Quartal gibt’s klare Ziele, das wird gemessen – sehr quantitativ. Aber das gefällt mir, weil es auch Struktur bringt.

Was kommt als Nächstes bei Revolut Schweiz?

Wir können uns hier sehr viel vorstellen, darunter Gemeinschaftskonten, kostenlose Kreditkarten-Top-Ups, E-Bill oder auch Säule 3a. Allgemein arbeiten wir daran, das Produkt so zu bauen, dass es auch wirklich als Salärkonto nutzbar ist. Viele Schweizer Kundinnen und Kunden warten nur darauf. Das freut mich natürlich.


Julian Biegmann ist seit Ende 2023 General Manager Schweiz bei Revolut. Zuvor war er über acht Jahre bei Blackrock in Zürich tätig, zuletzt als Director im Bereich Capital Markets. Der studierte Ökonom mit Abschlüssen aus St. Gallen und Mailand begann seine Karriere bei Booz & Company als Unternehmensberater.