Daniel Morris: «Wir hätten nie gedacht, dass das Tempo so hoch sein würde»

Die neue Administration unter Präsident Donald Trump hat sich nicht an das Drehbuch gehalten, das viele Ökonomen und Analysten vor den US-Wahlen entworfen hatten. Wird Trumps Agenda mit Deregulierung und Steuersenkungen, aber auch mit hohen Zöllen, per Saldo die Wirtschaft beflügeln oder hemmen? finews.ch hat sich darüber mit Daniel Morris, Chief Market Strategist and Co-Head des Investment Insights Centre von BNP Paribas Asset Management, unterhalten.

Morris verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Anlageerfahrung. Bevor er 2015 zu BNP Paribas AM in London stiess, war er Managing Director und Global Investment Strategist bei Teachers Insurance and Annuity Association – College Retirement Equities Fund (TIAA-CREF), eine 1918 vom Unternehmer und Philanthropen Andrew Carnegie gegründete Lehrerpensionskasse, die heute ein Vermögen von 1,4 Billionen Dollar verwaltet. Morris hat früher auch bei J.P. Morgan Asset Management, Lombard Street Research und Bank of Americas Securities gearbeitet.

Herr Morris, Sie haben vor den US-Wahlen versucht, die Folgen der verschiedenen Szenarien für die Finanzmärkte zu antizipieren. Nun ist die neue Regierung schon einige Wochen im Amt. Haben sich die Dinge so entwickelt, wie Sie erwartet haben?

Nein, wir wurden überrascht, zum einen vom Wahlergebnis selber. Dann haben wir uns eingeredet, dass wir Trump schon von seiner ersten Amtszeit her kennen. Aber diesmal ist es definitiv anders. Die Regierung geht viel aggressiver und resoluter vor, sie handelt rasch, ist besser vorbereitet und organisiert. Wir hätten nie gedacht, dass sie mit einem so hohen Tempo unterwegs sein würde.

Hat das Auswirkungen auf Ihre Finanzmarktprognosen?

Fundamental nicht. Wir gehen immer noch davon aus, dass die US-Wirtschaft deutlich wachsen wird und sind entsprechend mittelfristig für US-Aktien positiv. Aber wir erwarten viel mehr Volatilität als bisher. Und wir haben eine taktische Änderung vorgenommen: von übergewichten zu neutral für US-Aktien.

«Wir wissen noch nicht, ob Trump Zölle wirklich als permanente staatliche Einnahmequelle etablieren will.»

Wegen Trump?

Ja. Wir wissen noch nicht, ob er Zölle und deren Androhung bloss als Verhandlungsmasse benutzt oder ob er sie wirklich als permanente staatliche Einnahmequelle etablieren will. Er hat Zölle auch schon als eine Mehrwertsteuer bezeichnet, die nur vom Ausland bezahlt werden müsse. Sollte das zweite der Fall sein, dann könnten die Handelspartner ihrerseits mit Vergeltungszöllen reagieren. Ich würde noch nicht von einem Zollkrieg sprechen, aber die Spannungen nehmen zu.

Sind aufgrund des hohen Gewichts der grossen Technologieunternehmen die Konzentrationsrisiken im US-Aktienmarkt nicht zu hoch, wie auch die Deepseek-Episode in Erinnerung gerufen hat?

Das war 2024 noch der Fall, aber in der Zwischenzeit hat die Dominanz bereits etwas abgenommen. Die Gewinnerwartungen für Small Caps liegen mittlerweile höher als für die Nasdaq-Unternehmen, das Konzentrationsrisiko nimmt ab. Deepseek hat nicht alles verändert. Es ist durchaus normal, dass Technologien günstiger werden. Werden Anwendungen von künstlicher Intelligenz erschwinglicher, wird die Nachfrage steigen. Insgesamt aber wird der Kuchen am Aktienmarkt weiter wachsen.

«Ich gehe davon aus, dass die Fed keine Befehle vom Weissen Haus entgegennehmen wird.»

Trump hat Notenbankchef Jerome Powell bereits in seiner ersten Amtszeit als Staatsfeind bezeichnet und kritisiert ihn auch nun wieder. Ist das nur Show oder eine Bedrohung für die Unabhängigkeit der Federal Reserve?

Die Fed wird sich weiterhin auf Inflation und Wirtschaftswachstum konzentrieren und abwarten, wie sich Trumps Politik darauf auswirken wird. Ich gehe davon aus, dass die Geldpolitiker keine Befehle vom Weissen Haus entgegennehmen.

Die Renditen für zehnjährige US-Staatsanleihen bleiben trotz erster Zinssenkungen auf vergleichsweise hohem Niveau. Droht Inflation, sind die Wächter am Bondmarkt am Werk, oder ist das einfach Ausdruck von guten Wachstumsperspektiven?

Es gibt für die Renditen sehr viele Treiber, die in unterschiedliche Richtungen gehen können. Zölle dürften nur einen vorübergehenden Inflationsschub bringen, die mittelfristigen Inflationserwartungen am Markt haben nicht zugenommen. Ein höheres Wirtschaftswachstum bringt höhere Realzinsen mit sich, und die Annahme, dass Trumps Deregulierungs- und Steuersenkungsagenda die US-Wirtschaft stimulieren könnte, ist nicht völlig verrückt.

Warum ist Europa eigentlich dazu verdammt, immer hinter den USA hinterherzuhinken, nicht nur im Aktienmarkt, sondern auch im Banking und bei Innovationen wie KI?

Die einfache Antwort lautet: Die USA wachsen stärker, weil der Arbeitsmarkt flexibel und die Regulierung insgesamt auf einem tiefen Niveau ist. Es handelt sich um das Ergebnis einer bewussten politischen Entscheidung. Für Europa ist Arbeitsplatzsicherheit wichtiger als Wachstum. Das hat man bei der Coronakrise gesehen: In den USA schnellten die Arbeitslosenzahlen in die Höhe, in Europa entschädigte der Staat die Unternehmen fürstlich dafür, dass sie ihre Beschäftigten nicht entliessen.

«Für Europa ist Arbeitsplatzsicherheit wichtiger als Wirtschaftswachstum.»

Sie arbeiten bei einer französischen Grossbank. Ist die politische Lage in Frankreich nicht besorgniserregend, auch für Anleger?

Die politischen Turbulenzen halten sich im Rahmen des Erwarteten. Wir glauben, dass der Ausblick für europäische Aktien positiv ist. Natürlich sollten Strukturreformen ergriffen werden, was auch im Bericht von Mario Draghi thematisiert worden ist. Aber wenn etwas passieren wird, ist es nicht wegen dem Draghi-Bericht, sondern weil Europa von der Deregulierungswelle aus den USA noch stärker unter Druck kommt und handeln muss.

Gefährdet eine Deregulierung des US-Bankensystems nicht die Finanzstabilität?

Aus Sicht der Aufsichtsbehörden ist natürlich jede Deregulierung gefährlich; wenn im Strassenverkehr alle nur mit 5 Stundenkilometer unterwegs wären, wäre das System auch viel sicherer…

Letztes Jahr hatten Bitcoin und Gold einen guten Lauf. Welche Rolle spielen sie in Ihrer Asset Allocation?

In Bitcoin sind wir nicht aktiv, aber zu Gold kann ich einiges sagen. Wir haben es in unseren Multi-Asset-Portfolios übergewichtet. Zum einen gehen wir davon aus, dass der Preis weiterhin steigen wird, nicht zuletzt weil die Zentralbanken nach wie vor auf der Käuferseite sind. Zum anderen ist Gold eine Absicherung gegen Risiken aller Art, also z.B. eine Überhitzung der US-Wirtschaft, eine Rückkehr der Inflation oder exzessive Steuerreduktionen und Haushaltsdefizite.