Was sagt Konrad Hummler heute zum Bankgeheimnis?

Er war Akteur und Opfer in der Zeit, in der die Schweiz das Bankgeheimnis für ausländische Kunden aufgeben musste. Heute sagt Hummler, dass das Prinzip der Reziprozität nur zwischen ähnlich grossen Staaten funktioniert. Er sei damals naiv gewesen. Und Banken empfiehlt er die Rechtsform der Aktiengesellschaft.

Das Schweizer Bankgeheimnis für ausländische Kunden gehört schon seit einigen Jahren zur Geschichte. Was würde da Konrad Hummler zu diesem Thema noch zu sagen haben? Diejenigen, die am Donnerstagmittag die von der ethischen Denkfabrik Liberethica unter dem Titel «Das Bankgeheimnis im Rückblick: Die moralische Perspektive» organisierte Veranstaltung besucht haben, wissen es schon – für alle anderen ist dieser Bericht gedacht.

Es geht dabei nicht nur um Vergangenheitsbewältigung. Die Linken, denen das Bankgeheimnis schon lange ein Dorn im Auge ist, haben 2024 einen neuen Anlauf genommen, es nun ganz (d.h. auch für Inländer) abzuschaffen – ein Vorstoss, der in den Diskussionen im Zusammenhang mit dem aktuellen Sparpaket des Bundesrats noch zu reden geben dürfte.

Zuerst durchlöchert und dann ganz aufgegeben 

Zuerst aber zur Erinnerung und Einordnung für jüngere Semester oder vergessliche Geister: Besiegelt wurde das Ende des zuvor jahrzehntelang relativ konsequent verteidigten Bankgeheimnisses durch das im Mai 2014 vom Bundesrat unterzeichnete Abkommen über den automatischen Informationsaustausch, das unter dem Dach der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ausgehandelt worden war.

Aber schon vorher war das Bankgeheimnis durchlöchert worden, namentlich als die UBS im August 2009 – knapp ein Jahr zuvor hatte der Bund die in der Finanzkrise in Wanken geratene Grossbank retten müssen – einen Vergleich mit den USA abschloss, der neben einer Busse die Übermittlung von Daten von Tausenden von Bankkunden umfasste und Bundesbern zu dieser Datenlieferung Hand bot.

Als die USA der Bank Wegelin das Lebenslicht ausbliesen

Und Konrad Hummler war einer der ersten, der damals die Macht und das Durchsetzungsvermögen der USA quasi am eigenen Leibe erfahren hat. Die US-Justiz nahm «seine» Bank Wegelin (Hummler war ab 1991 mit Abstand der prominenteste Teilhaber und treibende Kraft hinter dem Expansionskurs der Privatbank) im Zusammenhang mit dem Steuerstreit speziell aufs Korn. Wegelin musste in der Folge 2013 das Geschäft einstellen und verschwand wohl als erste Schweizer Bank überhaupt auf ausländischen Druck von der Bildfläche.

Hummler hatte sich in den Jahren zuvor mit seinen spitzen und prägnanten Anlagekommentaren (die nicht nur den Finanzmarkt, sondern auch das grosse Weltgeschehen abdeckten) beileibe nicht nur Freunde gemacht – weder in der Branche noch in Bundesbern oder gar im Ausland.

«Ausgeklügeltes System» mit dem Staat als «Hehler»

Und Hummler enttäuschte das Publikum in Zürich in der Helferei nicht. Er ist zwar mitunter etwas altersmilde geworden, nimmt aber weiterhin kein Blatt vor den Mund. So bezeichnete er im Zwiegespräch mit dem Liberethica-Präsidenten Adriel Jost die alte Ära des Swiss Banking mit Bankgeheimnis als ein «sehr ausgeklügeltes System», bei dem der Schweizer Fiskus der «Hehler» war.

Denn der Bund profitierte davon, dass sensitive ausländische Kunden auf die Rückerstattung der Verrechnungssteuer verzichteten. Zudem wurde das Geld oft in Eurobonds oder Frankenanleihen ausländischer Schuldner angelegt, so dass die Mittel wieder ins Ausland flossen, was ökonomisch durchaus sinnvoll war.

Die grossen Fische schwimmen weiterhin davon

Hummler nannte als typischen Bankkunden jener Zeit einen deutschen Mittelständler, dem schon der Grossvater und der Vater aufgrund leidvoller Erfahrungen mit Inflation und Währungsreformen eingebläut hatten, einen Teil seines Gelds in die sichere Schweiz und damit ausserhalb der Reichweite des eigenen Staates zu bringen.

Das sei heute für Mittelständler nicht mehr möglich, bedauerte er. Inhaber von grossen Vermögen könnten aber über geeignete Konstrukte und Domizile ihr Geld weiterhin dem Zugriff des Staates entziehen.

Abgeltungssteuer – eine verpasste Gelegenheit

«2003 hätten wir noch die Chance gehabt, mit einer Abgeltungssteuer auf Zinserträge auf europäischer Ebene eine bessere Lösung zu finden. Leider wurde diese Chance vertan, und 2008/2009 war es zu spät dafür», bedauerte Hummler, der diese Option seinerzeit selber propagiert hatte.

Angesprochen auf frühere Äusserungen von ihm, die Schweiz müsse auf Reziprozität pochen und unfaire Steuerpraktiken in den USA (namentlich Delaware) öffentlich anprangern, zeigte er sich selbstkritisch. «Ich war viel zu naiv, Reziprozität funktioniert nur zwischen ähnlich grossen Staaten. Man muss realistisch sein. Das hätte ich schon damals sehen müssen.»

Die Reize der Société Anonyme

Auch einen anderen Aspekt beurteilt er heute ziemlich anders als früher. Zu Wegelin-Zeiten hatte er intensiv mit dem Argument geworben, dass ein Modell mit vollhaftenden Bankiers anderen Formen wie einer Aktiengesellschaft (AG) weit überlegen sei. «Die Erfindung der AG ist ein Segen für die Menschheit», sagt er jetzt. Im Fall Wegelin stand Hummler gemäss eigener Aussage aufgrund des Hebels, den die USA mit der persönlichen Haftung hatten, nahe am Privatkonkurs.

Und Hummler wäre nicht Hummler, wenn er dem Publikum nicht noch eine Metafrage gestellt hätte. «Ist es moralisch verwerflich, wenn man Arbitrage betreibt zwischen den unterschiedlichen Moralvorstellungen, die in verschiedenen Gesellschaften vorherrschen?»