Carlos Mejia: «Finma hat in CS-Krise guten Job gemacht»

Der CIO der Rothschild & Co Bank Schweiz spricht über Anlagestrategien in Zeiten geopolitischer Spannungen, die Stabilität des Schweizer Finanzsektors und die Chancen, die sich unter einer zweiten Amtszeit von Donald Trump ergeben.

Herr Mejia, die geopolitischen Spannungen haben in jüngster Zeit immer wieder zu grosser Verunsicherung an den Märkten geführt. Setzt sich diese Phase weiter fort?

Die Marktturbulenzen werden wohl anhalten. Dabei gilt es jedoch zu unterscheiden, welche Nachrichten für uns als Bürger relevant sind und welche für uns als Investoren. Dies sind zwei Paar Schuhe. Als Investor versuche ich den Lärm um mich herum weitestgehend auszuschalten und mich auf die Frage zu konzentrieren: Was wirkt sich tatsächlich auf die Realwirtschaft aus und beeinflusst die Profitabilität der Unternehmen?

Hat sich denn bei den Kunden Nervosität breitgemacht?

Es ist ein Unbehagen festzustellen. Aber dies ist völlig normal angesichts der vielen Schlagzeilen. Sie haben jedoch ein grosses Vertrauen in unsere Beratungsdienste und sind bei uns, weil wir eine langfristige Perspektive verfolgen und den Erhalt ihres Vermögens in den Mittelpunkt stellen.

Deshalb ist es absolut entscheidend, über die Schlagzeilen hinauszuschauen. Allein im vergangenen Jahr erhielt die Hälfte der Weltbevölkerung einen neuen Präsidenten, die Konflikte im Nahen Osten hielten an, Europa steckte in einer Vertrauenskrise, und China schwächelte weiter. Dennoch legten die Aktienmärkte um mehr als 20 Prozent zu. Und selbst in einem Umfeld rückläufiger Inflation und eines erstarkenden US-Dollars legte der Goldpreis im Jahr 2024 um 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu - obwohl viele das Gegenteil erwartet hatten. Im Vergleich zu 2019 macht der Anstieg gar 72 Prozent aus.

Welchen Einfluss wird die zweite Amtsperiode von US-Präsident Donald Trump haben?

Wir wissen aus seiner ersten Präsidentschaft, dass Donald Trump einen populistischen Stil pflegt und seine Entscheide immer wieder für Aufregung sorgen. Aber grundsätzlich verfolgt er eine sehr wirtschaftsfreundliche Politik, indem er Steuern senkt und die Regulierung lockert. Es werden sich also durchaus Opportunitäten ergeben.

Sie sind also optimistisch?

Optimistisch ist in diesem Zusammenhang nicht das passende Wort. Ich versuche in meiner Rolle nüchtern und sachlich zu bleiben. Dazu bin ich meinen Kunden verpflichtet. 

Wie wichtig ist die Entwicklung in den USA für Europa?

Sie kann zusammen mit der Entwicklung in China eine entscheidende Wirkung haben.

Europa befindet sich aktuell nicht in einer guten Verfassung. Deutschland steckt im Tief, auch Frankreich schwächelt. Europa könnte jedoch Unterstützung von seinen wichtigsten Exportpartnern sowie von einem Ende des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine erhalten.

«Es ist absolut entscheidend, über die Schlagzeilen hinauszuschauen.»

Wenn der chinesischen Führung der Turnaround im eigenen Land gelingt, die US-Wirtschaft in Fahrt bleibt und Europa Zugang zu günstigerer Energie aus Russland erhält, dann könnten dies willkommene Impulse für die europäische Wirtschaft darstellen. Die Finanzmärkte sind gut ins neue Jahr gestartet und scheinen einige dieser Aspekte vorweggenommen zu haben.

Zur Schweiz: 2023 hiess es Lichterlöschen bei der Credit Suisse. Wie sehr hat das Aus der einstigen Grossbank dem Ansehen des Finanzplatzes Schweiz geschadet?

Der Niedergang der Credit Suisse (CS) war sicherlich ein sehr schwerer Moment für die Schweiz. Als Ausländer, der hierzulande lebt und arbeitet, war ich jedoch erstaunt über die harsche Kritik an der Rolle der Schweizerischen Nationalbank (SNB) und der Finanzmarktaufsicht Finma bei der CS-Krise.

Weshalb?

Ich kann mich der Kritik nicht anschliessen. Sowohl die Finma wie auch die SNB haben aus meiner Sicht einen wirklich guten Job gemacht.

Im Bericht der Parlamentarischen Untersuchungskommission tönt es anders.

Die Finma wie auch die SNB liessen eine gewisse Entscheidungsfreudigkeit vermissen. Es ist aber zu berücksichtigen, dass es äusserst turbulente Zeiten waren. Aber letztlich haben sie vermieden, dass sich der Flächenbrand ausweitet.

«Auch wenn andere Finanzplätze schneller wachsen, die Schweiz steht gut da.»

Man darf die CS-Krise nicht isoliert betrachten.  In dieser Phase gerieten auch US-Regionalbanken massiv unter Druck, da die Silicon Valley Bank zusammenbrach und viele weitere Regionalbanken kurz vor dem Kollaps standen.  Die Welt stellte sich auf mögliche Bank-Runs ein -auch bei der Credit Suisse. Man kann sich nur ausmalen, welche Folgen das für das Schweizer Bankensystem gehabt hätte.

Das Ansehen der Schweiz hat ihrer Ansicht nach also nicht gelitten?

Aus externer Perspektive ist das Gegenteil der Fall. Dank der SNB und der Finma geht der Finanzplatz Schweiz gestärkt aus dieser Krise hervor.

Die Schweiz steht aber unter Druck. 2027 dürften Hongkong und Singapur die Schweiz als weltweit führender Off-Shore-Standort überholen. Beunruhigt Sie dies?

Nein, weil ich Vertrauen in die Stärken der Schweiz habe. Die Schweiz verfügt über junge, überdurchschnittlich gut ausgebildete Leute. Man hat hierzulande ein grosses Wettbewerbs-Verständnis und in Sachen Innovation war die Schweiz laut dem Global Innovation Index seit 14 Jahren in Folge weltweit führend.

Auch wenn andere Finanzplätze schneller wachsen, die Schweiz steht gut da. Nur eines dürfen wir in der Schweiz nicht machen: uns zurücklehnen.


Carlos Mejia, CIO bei der Rothschild & Co Bank Schweiz und in dieser Funktion Mitglied der Geschäftsleitung. Er kam 2012 von der Investec Bank zu Rothschild & Co, wo er zwischen 2010 und 2012 als Chief Investment Officer und Head of Portfolio Management tätig war.

Von 2005 bis 2010 arbeitete er für die UBS als Head of Investment Strategy and Portfolio Construction (London) und als Head of Asset Allocation für diskretionäre Portfolios (Zürich).