Philipp Hildebrand: «Es braucht einen Weckruf»

Philipp Hildebrand warnt davor, dass die europäische Finanzindustrie im Vergleich zu ihren Wettbewerbern aus den USA mit einer weitergehenden Deregulierung unter Präsident Donald Trump weiter ins Hintertreffen geraten könnte.

Der Vizepräsident des weltgrössten Vermögensverwalters Blackrock und ehemalige Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB) Philipp Hildebrand warnt vor einer sich weiter öffnende Kluft zwischen Europa und den USA, wenn es um die Regulierung der Finanzindustrie geht.

«Es steht für mich ausser Frage, dass Europa einen Weckruf in Sachen Regulierung braucht», sagte Hildebrand in einem Interview am Rande des WEF in Davos mit dem Fernsehsender «Bloomberg TV». «Das bedeutet nicht, dass man dereguliert und damit der nächsten Finanzkrise den Weg bereitet, aber man muss die Wettbewerbsfähigkeit berücksichtigen».

«Die Europäische Union und die nationalen Regierungen müssen Wege finden, ihr regulatorisches Umfeld wettbewerbsfähiger zu gestalten», sagte er weiter.

Von US-Banken abgehängt

Die europäischen Banken seien seit der Finanzkrise von ihren US-amerikanischen Konkurrenten abgehängt worden. Das sei unter anderem auf eine zu restriktive Regulierung zurückzuführen. «Dieser Wettbewerbsnachteil wird noch gravierender, wenn die neue Trump-Administration die Deregulierung, für die sie während ihres Wahlkampfes geworben hat, durchsetzt.»

Die Bank of England hatte am Freitag die Einführung neuer Eigenkapitalvorschriften für Banken erneut verschoben. Man wolle zunächst mehr Klarheit über die Einführung in den USA zu erhalten. Eine Reihe von europäischen Banken hatte ihre eigenen Regulierungsbehörden aufgefordert, für gleiche Wettbewerbsbedingungen zu sorgen.

Unkonventionelle Instrumente der SNB

Auch den Kurs der SNB kommentierte der ehemalige Nationalbankpräsident. «Ich bin überzeugt, dass die SNB auch weiterhin alle ihr zur Verfügung stehenden Instrumente einsetzen wird, um ihr Mandat zu erfüllen», sagte Hildebrand. Fraglich sei jedoch, inwieweit sie sich dabei auf Zinssenkungen stützen müssen.

«Die Währung ist dabei natürlich ein wichtiger Faktor, und wir werden sehen, inwieweit sie ein Gleichgewicht zwischen möglichen Währungsinstrumenten und Zinsinstrumenten herstellen.» Die SNB habe zeitweise «sehr unkonventionelle Instrumente» eingesetzt, um die Schweizer Inflation in die gewünschte Richtung zu bewegen. Dies mache sie zu einer der erfolgreichsten Zentralbanken bei der Erfüllung ihres Mandats, fügte er hinzu.

Der Einsatz des Instruments der Devisenintervention könnte die SNB dem Risiko aussetzen, unter der neuen Regierung Trump erneut als Devisenmanipulator eingestuft zu werden.

Gefahr einer weiter hartnäckigen Inflation

Die grösste Bedrohung für die Weltwirtschaft im laufenden Jahr sei die Aussicht auf eine anhaltend zähe Inflation, sagte der ehemalige Zentralbankchef.

Die Kombination aus alternden Gesellschaften, technologischem Wandel und fragmentierter Geopolitik könnte die Verbraucherpreise in die Höhe treiben.

«Obwohl die Inflation eindeutig zurückgegangen ist, was grösstenteils auf die Anpassungen nach der Pandemie zurückzuführen ist, glaube ich nicht, dass die Inflationsgeschichte völlig vorbei ist», sagte er. «Das grösste Risiko wäre, dass wir aufwachen und feststellen, dass die Inflation nicht nur hartnäckig ist, sondern auch weiterhin hartnäckig bleibt.»

Gefragt nach den Aussichten auf Zinssenkungen sagte er, dass es «nicht viele, wenn überhaupt» geben werde.

Phase der permanenten Straffung

Als Grund verweist er auf die strukturellen Veränderungen in der Weltwirtschaft, die auf der Angebotsseite der Wirtschaft lasten. Das mache es viel schwieriger, die Inflation zu senken. «Wir haben uns von einer Welt, die während der letzten Jahrzehnte im Grunde eine Art permanente Lockerung gesehen hat, zu einer Welt entwickelt, in der eine fast permanente Straffung wahrscheinlicher ist.»

Grosse Gefahren sieht er insbesondere in Europa. «Das grösste Risiko besteht darin, bei den wichtigsten Themen ins Hintertreffen zu geraten», sagte er. «Europa verliert den digitalen Krieg, wir verlieren den Energiekrieg, und es gibt ein erhebliches, ich würde sagen, schwerwiegendes Problem der Wettbewerbsfähigkeit, das angegangen werden muss.»

Blackrock ist mit einem verwalteten Vermögen von 11,6 Billionen Dollar der grösste Vermögensverwalter der Welt.